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Mit Gefühl

Im Tagesspiegel ist im Februar 2016 ein Artikel über die taubblinde Frau Katrin Dinges aus Berlin erschienen. Eine Taubblinden-Assistentin, die ihre Qualifizierung in Recklinghausen absolviert hat, hat sie dabei begleitet.

 

Ein Leben als Taubblinde

Mit Gefühl

Wenn die Leute sie bemitleiden oder ignorieren – das ist für Katrin Dinges das Schlimmste. Die 30-jährige Berlinerin kann nicht hören und nicht sehen. Aber man sollte sie niemals unterschätzen.

 

VON KATRIN SCHULZE

Wer könnte sich da schon entscheiden. Unzählige Nagellacke in allen erdenklichen Farben gibt es im Kosmetikladen, und Katrin Dinges steht fragend davor. Sie wühlt sich durch das Sortiment und grübelt. Grün? Nein. Schwarz? Bloß nicht. Pink? Muss nicht sein. Aber die hier! Glänzend blau und dunkellila. Blau wie ihr Shirt, lila wie der Schal. Das sieht gut aus, sagt sie, was insofern erstaunlich ist, als dass sie es gar nicht sehen kann. Katrin Dinges ist blind. Sie geht weiter zur Kasse. „3,80 Euro bitte“, sagt die Dame hinter dem Tresen. Katrin Dinges zückt ihr Portemonnaie und kramt die passenden Münzen heraus – obwohl sie die Ansage der Verkäuferin gar nicht verstanden hat. Katrin Dinges ist taub.

 

Blind und taub. Dass beides zusammen-kommt, ist eine Seltenheit. Kaum einer, der nicht im Umfeld eines Betroffenen lebt, hat überhaupt schon von diesem Phänomen gehört. Ein Wikipedia-Eintrag über die Taubblindheit, wie es richtigerweise heißt, existiert erst seit gut zehn Jahren. Dort ist von einer komplexen Sinnesbehinderung die Rede, die zu Schwierigkeiten bei der Mobilität, der räumlichen Orientierung und der Kommunikation führe. Im Vergleich zu Blinden und Gehörlosen entstünden so umfangreichere, vielschichtigere Bedürfnisse.

 

Man muss sich das vorstellen: nicht sehen, nicht hören. Blinde können ihre Einschränkung dadurch ausgleichen, dass sie einen besonders guten Hörsinn entwickeln. Taube können in der Regel besonders gut sehen. Und Katrin Dinges? „Guten Tag“, sagt man zu ihr, und sie versteht es nicht. Man will ihr die Hand reichen, doch sie sieht sie nicht. Was bleibt, ist vor allem das Fühlen. Die Verständigung zum Beispiel funktioniert über eine Art Berührungssprache von Hand zu Hand. Dafür hat sie heute ihre Assistentin Anna dabei, an einen Einkaufsbummel in Berlin-Mitte wäre sonst nicht zu denken.

 

Katrin Dinges 1

 

Annas Finger sausen nur so über die Handinnenfläche von Katrin Dinges. Schnell hat sie die Frage „Wollen wir zur S-Bahn gehen?“ in die Hand übersetzt. Lormen nennt sich das. Jeder Punkt am Finger oder in den Innenflächen steht für einen Buchstaben des Alphabets. Ein Dialog erfordert von beiden viel Konzentration und dauert ein bisschen, doch Katrin Dinges und Anna haben es schon auf eine erstaunliche Geschwindigkeit gebracht. „Dann mal los“, sagt Katrin Dinges. Auf dem Hof ihres Wohnblocks in Tiergarten kennt sie sich einigermaßen aus. Da findet sie sich mit ihrem Blindenstock notfalls auch alleine zurecht.

 

Sobald es danach auf die Straße geht, wird es schwieriger, aber es gibt ja Anna. Katrin Dinges hakt sich bei ihr unter.

Dann mal los. Sie möchte in ein Einkaufszentrum am Alexanderplatz, erzählt sie unterwegs. Da könne sie viele Sachen auf einmal besorgen. Über ihre dicke Jacke hat sich Katrin Dinges an diesem Wintertag deswegen extra einen Rucksack geschnallt, in dem sie alles verstauen kann. Außerdem sind noch ein paar Wechselsachen drin für den Tanzkurs am Abend. Seit einiger Zeit geht sie regelmäßig dorthin, auch wenn das einen ordentlichen logistischen Aufwand bedeutet. Die 30-Jährige benötigt jedes Mal einen, der sie hinbringt und wieder abholt. Genauso ist es bei fast allen Unternehmungen und Besorgungen. Die Kunst ist, trotz allem ein befriedigendes, würdevolles Leben zu führen.

 

Für Katrin Dinges ist das vielleicht die größte Prüfung, weil sie es anders kennt. Oft vergleicht sie ihre jetzige Situation mit der vor, sagen wir, 15 Jahren, was zermürbend sein kann. Denn der Teenager Katrin Dinges erledigte viel mehr selbstständig als die erwachsene Frau. Das bringt das Alström-Syndrom mit sich, unter dem sie leidet, eine sehr seltene Erbkrankheit, deren Symptome über die Jahre fortschreiten. Als Kind hatte Katrin Dinges immerhin einen Sehrest von etwa fünf Prozent, sodass sie mit einer Vergrößerungshilfe schreiben lernte. Irgendwann aber konnte sie ihre eigene Schrift nicht mehr erkennen, und inzwischen hat sie selbst mit der Unterscheidung zwischen hell und dunkel Probleme.

 

Nicht ganz so rapide hat ihr Hörvermögen abgenommen. Im frühen Kindesalter haben die Eltern gemerkt, dass ihre Kleine auf Ansprachen kaum reagiert. Mit 16 bekam Katrin Dinges die ersten Hörgeräte, da konnte sie Geräusche noch orten. Doch auch dieses Gut ging nach und nach verloren. Ist es ganz still in der Umgebung, versteht sie einen im Moment, wenn man nur laut genug in ihr rechtes Ohr spricht. Sobald nur ein Rascheln dazukommt, ist es auch damit vorbei.

 

So wie in der S-Bahn Richtung Alexanderplatz. Assistentin Anna fragt sie in die Hand, was sie denn so alles einkaufen möchte und in welche Geschäfte es gehen soll. Katrin Dinges überlegt einen Moment und zählt danach in ihrer aufgeweckten Art die unterschiedlichsten Dinge auf: Messer, Aufbewahrungsdosen, Lebensmittel, Geschenke für eine Freundin, Kerzen. „Das ist jede Menge“, lormt ihr Anna zurück. Und erhält ein schallendes „Ja“ als Antwort.

 

Katrin Dinges 2

 

Das Sprechen ist Katrin Dinges geblieben, was sie als „Privileg“ bezeichnet, denn dieses Glück haben nicht alle Taubblinden. Sie aber kann Probleme benennen, um Hilfe bitten. Nur kriegt sie die Reaktionen darauf nicht in jedem Fall mit. Viele begreifen erst gar nicht, dass Katrin Dinges zwar reden, aber nicht hören kann. Die Menschen, die Anna und ihr in der Bahn gegenübersitzen, schauen dem Gespräch der beiden, dem permanenten Wechsel zwischen den Handberührungen der einen und den Antworten der anderen, mit einer Mischung aus Verwunderung und Interesse zu. Dann steht Katrin Dinges auf. Sie kennt den U- und S-Bahn-Plan ganz genau, zählt die einzelnen Stationen mit. Kein Problem. An den Alexanderplatz hingegen wird sie sich nie gewöhnen können. Dieses Gewusel der Menschenmassen, das Kopfsteinpflaster, in dem sich ihr Stock verhakt, die Straßenbahn mit ihren ebenerdigen Schienen.

 

Als sie das Einkaufszentrum erreicht hat, ist sie erleichtert. Wohin zuerst? „Ins Haushaltswarengeschäft.“ Sie braucht neue Schneidemesser. Anna reicht ihr verschiedene, und Katrin Dinges fährt bei jedem vorsichtig mit dem Finger über die Klinge. Ein bisschen geriffelt soll es sein - und schön scharf. Sie weiß genau, was sie will und was sie braucht. So, wie sie sich zu Hause gut auf ihre Bedürfnisse eingerichtet hat. Seit neun Jahren wohnt sie inzwischen allein. „Zum Glück“, sagt sie. „Ich genieße es, meine eigenen vier Wände zu haben.“ Zuvor hat sie einen Kurs zum Thema Haushalt besucht. Dort ging es ums Kochen, Wäschewaschen und solche Sachen. Ganz ohne Assistenz funktioniert aber auch dies nicht. Zwar ist sie in der Lage, die Wäsche aufzuhängen und abzunehmen, die Waschmaschine einstellen kann sie allerdings nicht.

Das ist der Grund, warum viele taubblinde Menschen auch im hohen Alter noch bei ihren Eltern leben. Sie können vieles nicht allein, oder sie bekommen nicht genügend Hilfe. Und wenn die Eltern einmal sterben, bleibt nicht mehr viel. „Taubblinde sind massiv von ihrer unmittelbaren Umgebung abhängig und leben oft isoliert. Sie fallen gravierend aus dem sozialen Netz heraus“, sagt Irmgard Reichstein, die Vorsitzende der Stiftung „taubblind leben“, die sich dafür einsetzt, dass sich daran schnellstmöglich etwas ändert. Mit einem sogenannten Merkzeichen Taubblindheit im Schwerbehindertenausweis wäre schon viel getan, glaubt sie. Betroffene wären dann „sichtbar“ und könnten ihre Bedürfnisse bei Behörden besser geltend machen. Doch trotz mehrerer Bekundungen hat es die Bundesregierung noch nicht geschafft, das durchzusetzen.

 

Katrin Dinges kennt das Problem mit den Behörden. Lange hat sie gebraucht, um ihre Hilfen für den Alltag vom Amt bewilligt zu bekommen. Vorher, als sie noch keine Assistenz hatte, war nicht viel möglich. „Da habe ich auf sehr viele Sachen verzichtet“, sagt sie. „Dabei bin ich im Grunde ein aktiver Mensch.“ Nun versucht sie sich mit Hilfe ihrer Assistenten Strukturen zu schaffen, Regelmäßigkeiten, eine gewisse Alltagsroutine. Und dazu gehört eben manchmal auch etwas Schönheitspflege. Für diesen Tag hat Anna ihr die Nägel in einem hellen Ton lackiert, aber Katrin Dinges hätte künftig gerne ein bisschen mehr Auswahl. Deshalb der Ausflug in den Kosmetikladen.

 

Immer wieder muss sie sich dabei mit Anna verständigen. Passen die Farben auch wirklich? Was kostet das? Wo geht es zur Kasse? Anna führt sie hin und lormt ihr die Summe, die auf der Kasse steht. Als Katrin Dinges bezahlt hat, will die Verkäuferin der Assistentin das Wechselgeld geben, doch die schüttelt mit dem Kopf und nickt in Richtung ihrer Begleitung. Das ist für Katrin Dinges mit das Schlimmste: übergangen zu werden. Schon früher, als sie mit ihren Eltern beim Arzt saß und der alles mit denen und nichts mit ihr abmachte, wurde sie sauer. Heute passiert es mindestens genauso oft. „Man scheint als behinderter Mensch einer anderen Spezies anzugehören, die entweder bemitleidet wird oder der man besser überhaupt nicht begegnet.“

 

Tatsächlich gehen die Blicke, die Nachfragen, das Wechselgeld in den Läden allzu oft zu Anna - und nicht zu Katrin Dinges. Doch das ist nicht alles. „Viele regt es auf, dass es nicht schnell geht“, sagt sie. Im Buchhandel etwa will sie sich beraten lassen und fragt bei einer Verkäuferin nach. Es dauert ein bisschen, bis Anna ihr die Antworten übersetzt hat. „Davon gibt es nur ein Kinderbuch“ oder „Das ist nicht vorrätig“. Die Verkäuferin schaut verdutzt, weil sie nicht ganz zu verstehen scheint, was hier vor sich geht, dann wendet sie sich einem anderen Kunden zu. Aber Katrin Dinges gibt nicht auf, hakt weiter nach. So lange, bis sie Antworten bekommen hat, die sie zufriedenstellen. Sie kennt sich schließlich aus mit der Materie. Katrin Dinges studiert Deutsche Literatur und Europäische Ethnologie.

 

Auch das ist in den vergangenen Monaten und Jahren mühsamer geworden - je mehr, desto weniger sie hörte. Beim Aufbereiten und Scannen der Texte hilft ihr eine Studienassistenz. Das Lesen klappt dann mithilfe der Blindenschrift und eines speziellen Computers. In einer kurzen Shoppingpause kramt Katrin Dinges das Gerät heraus. Statt der gebräuchlichen Tastatur ist es mit einer sogenannten Braillezeile ausgestattet, die Buchstaben in ertastbare Zeichen umsetzt. So kann Katrin Dinges auch E-Mails schreiben und lesen. Sie fühlt noch einmal nach über die kleinen Pins, die aus der Zeile fahren, ob sie Post bekommen hat. Nichts Neues. Weiter im Shoppingprogramm.

 

Wie klug Katrin Dinges ist, unterschätzen viele Menschen zunächst. Wer so eingeschränkt ist, kann nicht viel im Kopf haben, denken sie. Lässt man sich aber auf einen Kontakt mit ihr ein, merkt man es schnell. Wie eloquent, wie belesen, wie weltgewandt sie daherkommt. Auch ihre eigene Situation vermag sie sehr gut einzuschätzen. Sie kennt genug andere Behinderte, ihr kleiner Freundeskreis besteht größtenteils aus Betroffenen. Sie ist gut vernetzt in der Szene, engagiert sich. Sie weiß, dass sie mit ihrem Studium und ihrer Selbstständigkeit die Ausnahme ist. Nur wenigen Taubblinden gelingt es, ihren Lebensunterhalt inklusive der Assistenz selbst zu finanzieren. Sie sind auf staatliche Unterstützung oder die Eltern angewiesen. Dass sie einmal ganz allein für sich sorgen kann, hält Katrin Dinges für „utopisch“.

Nach dem Studium möchte sie am liebsten eine Ausbildung zur Märchenerzählerin in Hamburg absolvieren. So hell und klar, wie ihre Stimme klingt, fällt es nicht schwer, sich das vorzustellen: Katrin Dinges, deren eigenes Leben ein so besonderes ist, berichtet von Geschichten aus einer anderen Welt. Sie meint allerdings auch, dass sie eine gute Pädagogin oder Korrekturleserin sein könnte. Auf jeden Fall ist es ihr Ziel, so unabhängig wie möglich zu leben, was als Taubblinde nicht gerade die einfachste Aufgabe ist. Schließlich werde man als Behinderte von der Gesellschaft generell benachteiligt, sagt Katrin Dinges.

 

Was auf Behinderte im Allgemeinen zutrifft, zählt für Taubblinde im Speziellen. Tatsächlich gibt es nicht einmal verlässliche Zahlen zu den Betroffenen. Verbände schätzen, dass in ganz Deutschland vielleicht 6000 Taubblinde leben. Sie alle benötigen Assistenten, um im Alltag wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen, doch die sind rar. Wer beherrscht schon das Lormen? In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel kommen auf circa 600 taubblinde Menschen gerade einmal 65 ausgebildete Helfer. In Berlin sieht die Lage kaum besser aus.

Bei Katrin Dinges ist deshalb nicht gesichert, ob die zehn Stunden Assistenz, die ihr in der Woche zustehen, auch besetzt werden können. Jedes Mal aufs Neue hofft sie darauf, dass es schon irgendwie klappt. Dass Anna kommt oder eine ihrer anderen Assistentinnen. Dass sie etwas unternehmen kann, zu Hause ist sie ja oft genug. Nur wenige Wege traut sie sich noch ganz allein zu.

Anna ist schon geschafft, während Katrin Dinges weiter munter durch die Geschäfte zieht. Sie benötigt noch ein paar Brotaufstriche aus dem Reformhaus, für sich und eine Freundin. Vier Varianten landen nach ausgiebiger Beratung im Einkaufskorb. „Haben Sie auch vegane Schokolade mit ganzen Nüssen?“, fragt sie die Verkäuferin weiter. Die flitzt durch den Laden und drückt ihr schließlich eine Tafel in die Hand. Katrin Dinges tastet sie von oben bis unten ab. „Genau die habe ich gesucht. Danke.“ Dazu kauft sie noch ein paar Servietten hier und die Teelichter da.

 

Zurück geht es durch das Gewusel, über das Kopfsteinpflaster und die ebenerdigen Schienen. Diesmal in die U-Bahn, die sie bis nach Wedding bringt. Anna begleitet sie noch zu einem alten Industriegelände, wo sie am Donnerstagabend immer einen Kurs besucht. Abholen vom Tanzen wird sie später ihr Vater. Tanzen. So nennt es Katrin Dinges, obwohl gar keine Musik gespielt und kein bestimmter Stil geübt wird. Andere würden vielleicht Bewegungstraining dazu sagen, oder Entspannungstherapie.

Neben dem Kursleiter nimmt heute noch eine Frau im Rollstuhl an der Stunde teil. Beide sollen sich erst einmal in eine gemütliche Position begeben, loslassen und die Ruhe genießen. Dann geht es langsam weiter.

Katrin Dinges erfühlt sich den Raum. Mit ihren Füßen gleitet sie über den Boden, die Arme weit ausgebreitet. Aus sanften, kleinen Bewegungen werden große, forsche. Hier kann sie sich gehen lassen. Ganz für sich sein. Dann mal los.

 

Fotos: Katrin Schulze



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